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Ägyptische Frauen und Politik im Dialog

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Ein Sandsturm zieht über die Stadt Tanta, es ist heiss und staubig. Auf den Strassen herrscht Chaos: hupende Autos, klappernde Motorräder, Pferdegespanne und Menschen suchen ihren Weg. Über alldem thront die Grosse Ahmad-al-Badawi-Moschee, eine sunnitische Pilgerstätte. Hier, in der Hauptstadt des Gouvernements al-Gharbiyya, findet vom 25. bis 27. September 2014 das zweite in Ägypten durchgeführte regionale Dialogforum von PWAG statt.

Frauen im Ägypten von heute

Von 2011 bis 2013 forderten ägyptische Frauen ihre Rechte – auf der Strasse, Seite an Seite mit den Männern. Nach diesen Revolutionen befindet sich Ägypten nun in einem Demokratisierungsprozess. Dies ist für die Frauen Chance und Herausforderung zugleich.

Die kürzlich verabschiedete Verfassung  beinhaltet Artikel zur gleichberechtigten Vertretung von Frauen und Männern in verschiedenen Positionen und zur Einführung von Frauenquoten auf lokaler Ebene. In den nächsten Monaten stehen nun die Parlamentswahlen an und es gilt, die Frauen in Ägypten sowohl als Wählerinnen wie auch als Kandidatinnen zu stärken.

Das Thema der regionalen Dialogforen, die PWAG in Zusammenarbeit mit dem National Council for Women (NCW) und lokalen Organisationen durchführt, sind deshalb die Herausforderungen, denen Frauen auf dem Weg hin zur politischen Partizipation begegnen – und wie sie diese bewältigen können.

Dialog – in der Gegenwart, für die Zukunft

In den Räumlichkeiten des NCW in Tanta trudeln die Leute am ersten Tag nach und nach ein. Wir warten bis alle ReferentInnen und TeilnehmerInnen eingetroffen sind, und beginnen mit einer Stunde Verspätung.

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Nach einer feierlichen Eröffnung sprechen unsere FriedensFrauen aus Libyen und Tunesien über Dialog und Leadership. „Was ist ein Dialog?“ fragt Omelez Alfarsi ihre Zuhörer gleich zu Beginn ihrer Einführung in die Methode des Dialogs und dessen Regeln.  „In dialogue we must come to listen to the other person’s ideas”, erklärt sie. Nachmittags will Najla Abbes aus Tunesien  von den TeilnehmerInnen  erfahren, welche Eigenschaften sie in einer Führungsperson erwarten. Auf interaktive Art und Weise diskutiert sie mit ihnen die Grundprinzipien von erfolgreichem Leadership.

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Durch die gemeinsame Sprache finden unsere FriedensFrauen schnell Zugang zum Publikum. Vor allem in den Kaffee- und Mittagspausen entstehen intensive Gespräche und ein bereichernder Austausch über Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen den drei arabischen Ländern Ägypten, Tunesien und Libyen, alle drei geprägt von politischer Unruhe.

Alle sind wichtig: Jede Stimme zählt!

In den zwei darauffolgenden Tagen, gehört die Bühne den über vierzig TeilnehmerInnen. Es ist der wichtigste Teil des Dialogforums, da sie nun selber Dialog führen und Inhalte generieren.

In den Dialog Sessionen fallen einerseits der Generationenkonflikt und andererseits die Zurückhaltung der jüngeren Frauen auf. Um dem entgegenzuwirken, ist es wichtig, einen Raum zu schaffen, in dem sich alle wohl fühlen. Wir muntern besonders die jungen Mädchen auf, ihre Stimmen zu erheben. Und es klappt! Bereits in der zweiten Session beteiligen sich alle Teilnehmerinnen aktiv am Dialog. Am letzten Tag freuen wir uns dann über sehr angeregte, fruchtbare Gespräche und grossen Enthusiasmus gerade bei denen, die zuvor schweigsam waren.

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Für viele Frauen beginnt das Problem bereits in den eigenen vier Wänden – Väter, Brüder oder Ehemänner, die das Streben nach mehr politischer Teilhabe nicht verstehen und auf einer klaren Rollenverteilung bestehen, stünden ihnen im Weg. Gesprächsthema ist daher die Rolle des Mannes in der Förderung von politischer Partizipation von Frauen. Aber auch die Rolle der Frau selbst wird kritisch hinterfragt. Es sei nämlich auch an den Frauen, sich zu interessieren, sich zu informieren und die eigenen Rechte einzufordern.

Nach drei interessanten Dialog Sessionen sitzen die zwei neu formierten, regionalen Arbeitsgruppen zusammen und überlegen, was sie tun können, um die politische Partizipation von Frauen in ihrem lokalen Kontext zu fördern: Tür-zu-Tür Kampagnen und Theaterstücke zum Thema Frauenrechte sind Ideen, die hier aufkommen. Wir dürfen gespannt sein, was uns die Gruppen aus dem Nildelta in den nächsten Monaten von den Aktivitäten berichten werden!

 

Autorin: Andrea Grossenbacher
Fotos: Free Lens Photography, Alexandria (Kairo) 

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