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Fanny Pollarolo Villa – von einer Mehrfachnobelpreisträgerin inspiriert

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An einem heissen Dezembernachmittag in Santiago de Chile treffe ich die FriedensFrau Fanny Pollarolo Villa, um mit ihr ein Gespräch über ihr Engagement als Menschenrechtsaktivistin vor, während und nach der Militärdiktatur (deren Beginn sich 2013 zum Dreissigsten Mal jährte) zu führen und sie um eine Einschätzung der Lage der Frauen in ihrem Land zu bitten.

Als ich Fanny (in Chile nennen sich die Leute beim Vornamen) als Einstieg in unser Gespräch frage, was sie dazu motiviert habe, sich Zeit ihres Lebens für die Rechte der Frauen einzusetzen, erzählt sie mir von Marie Curie. In einem Alter, in welchem junge Menschen sich Gedanken über ihre Zukunft machen, die Welt und ihre Existenz hinterfragen und sich ihre eigene Identität zu formen beginnt, hatte Fanny ein Foto von Marie Curie gesehen. Es zeigte die Mehrfach-Nobelpreisträgerin bei der Arbeit mit ihrem Mann, daneben ein kleines Kind. Dieses Bild brannte sich in Fannys Bewusstsein und bestätigte ihr, dass es möglich sein musste als Frau zu studieren, Erfolg im Berufsleben zu haben und gleichzeitig Kinder aufzuziehen. Das war in den 50er Jahren. Die dreifache Mutter und mehrfache Grossmutter, die als Psychiaterin an den bedeutendsten Universitäten Chiles lehrte und als Abgeordnete während zwei Legislaturperioden im Parlament Einsitz nahm, hat dieses Ideal zweifelsohne gelebt. Was Fanny heute zu einem Vorbild für die jüngere Generation macht ist jedoch ihre starke Empathie für Schwächere, die sie dazu bewog, stets über den Tellerrand ihres eigenen Lebens hinaus zu schauen und danach zu streben, die Menschenrechte allen zugänglich zu machen.

Der Funken für Fannys politischen Aktivismus zündete sich an der Universität, wo sie der Kommunistischen Partei beitrat. Als in Chile 1973 die Demokratie gestürzt und durch eine Militärdiktatur ersetzt wurde, die jegliche Opposition im Keim zu ersticken versuchte, flüchtete Fanny ins argentinische Exil. Anderthalb Jahre später kehrte sie in die Heimat zurück und machte sich ihre Fachkenntnisse zu Nutze, indem sie Folteropfer bei der Überwindung ihrer Traumata begleitete. 1986 rüttelte ein Ereignis im Süden Chiles sie derart auf, dass sie daraufhin, zusammen mit anderen Engagierten, die Bewegung «Frauen für das Leben» gründete: Ein Vater, dessen Kinder als politische Gefangene festgenommen und im Gefängnis verschwunden waren, hatte sich als Protest gegen die staatliche Willkür das Leben genommen, indem er sich selbst in Brand steckte. Für Fanny und ihre Mitstreiterinnen war dieser Akt ein deutliches Signal, dass der Ungeheuerlichkeit der Diktatur endlich ein Ende gesetzt werden musste. Ungeachtet ihrer politischen Differenzen taten sie sich zusammen und erreichten, dass am 8. März 1986 Tausende von Frauen auf die Strasse gingen, um für ein Ende der Diktatur zu skandieren. Ihr Slogan «Demokratie für das Land und in den eigenen vier Wänden» machte klar, dass das Ziel der Bewegung sich nicht auf die Wiederherstellung des Rechtsstaates beschränkte, sondern ebenso ein Kampf für ihre Rechte als Frauen war.   

Es stellte sich heraus, dass es bis dahin noch ein weiter Weg sein würde: Die erste Regierung nach der Rückkehr der Demokratie bestand ausschliesslich aus Männern. Erst als 2006 Michelle Bachelet Jeria als erste Frau in der Geschichte des Landes zur Präsidentin gewählt wurde, herrschte während etwas über einem Jahr (während genau 421 Tagen) Geschlechterparität im Parlament. Und im Dezember 2013 bestritten zwei Frauen die zweite Runde der Präsidentschaftswahlen. Das ist ein Novum für den Kontinent und laut Fanny ein Zeichen dafür, dass sich ein Kulturwandel vollzogen habe, der zeige, dass die chilenische Gesellschaft die Frau als Akteurin im öffentlichen und politischen Leben akzeptiert habe. Umso frappanter sei die Diskrepanz zur Rolle der Frau im Privaten: Die Aufgabenteilung sei in den meisten chilenischen Familien noch immer traditionell und die Fälle häuslicher Gewalt seien nicht weniger geworden.

Mit ihren 75 Jahren geht Fanny noch mit genau so viel Eifer und Herzblut gegen Verletzungen der Rechte von Schwächeren und Marginalisierten vor wie in jungen Jahren: Mehrmals pro Woche besucht sie Familien in sozialen Notstandsituationen, zeigt den Jugendlichen ein Familienmodell auf, das sich an einer Gleichstellung der Geschlechter orientiert und sensibilisiert über die schlimmen physischen und psychischen Folgen häuslicher Gewalt. Mit den Erfahrungen und dem Wissen, welches ihr das Leben mitgegeben hat, bietet sie den Familien Hilfestellung, um dem Teufelskreis der Armut und Gewalt zu entkommen.

Bevor wir unser Gespräch beenden, liegt mir noch ein letzter Punkt am Herzen: Wie Fanny Pollarolo als FriedensFrau die Stärke eines internationalen Netzwerkes von Frauenaktivistinnen einschätze? Netzwerke seien für sie stets ein zentraler Teil ihrer Arbeit gewesen. Auf Gemeinschaftsebene seien es die sozialen Netze, welche die Kraft hätten, Halt zu geben. Und für die internationale Frauenbewegung seien Netze ein zentrales Werkzeug. Denn: «Ich beobachte in unserer Kultur noch immer eine Tendenz der Männer, die Frauen und ihre Fähigkeiten zu verniedlichen. Doch ich beobachte auch, dass eine internationale Anerkennung dessen was wir als Frauen zu erreichen vermögen die Männer beeindruckt und dazu veranlasst, die stereotypisierte Denkweise zu hinterfragen. Wir brauchen die Männer als Partner, um die Diskriminierung der Frauen einzudämmen. Wenn wir sie also mit internationaler Präsenz erreichen können, ist dies alleine Grund genug für das Stärken und Sichtbarmachen der internationalen Frauennetzwerke.»

P.S. 2013 strahlte das chilenische Fernsehen mehrere Serien von unveröffentlichten Bildern und Videosequenzen von der Zeit der Diktatur aus. Ein Kapitel der «imagenes prohibidas» widmet sich dem Engagement der Frauen:  bit.ly/1dpCi7r

Beitrag verfasst von Lisa Salza, Kommunikationsbeauftragte für die FriedensFrauen Weltweit, während eines Aufenthalts in Chile im Dezember 2013/Januar 2014.

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