„Wir müssen trotz aller Unterschiede gemeinsam für unsere Rechte einstehen“

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Vom 13. bis am 15. Mai 2015 organisierte FriedensFrauen Weltweit, zusammen mit ägyptischen und internationalen Organisationen, ein Nationales Dialogforum zur Frauenpartizipation: „Mehr Rechte für Ägyptens Frauen: Von den Empfehlungen zur strategischen Umsetzung“. Während drei Tagen arbeiteten zwischen 70 und 100 Teilnehmende aus den verschiedensten Bevölkerungsgruppen und Sektoren an einer nationalen Strategie, wie politische Gleichberechtigung in Ägypten umgesetzt werden soll.

Ganz hinten in der Schlange

Am Eröffnungsabend näherten sich die Teilnehmenden auf eine künstlerische Art dem Thema der Frauenrechte an. Während einer Stunde führte der Ägypter John Milad und seine Theatergruppe Wlessa die ZuschauerInnen durch verschiedene Situationen im Leben von Frauen in Ägypten und malte dabei ein sozialkritisches Bild der ganzen Gesellschaft. Mit und ohne Worte gelang es den jungen SchauspielerInnen Gefühle wie Freude und Liebe, aber auch Schmerz, Trauer und Scham, auf eine sehr berührende Art darzustellen: zum Beispiel zwei Geburten – während der Junge unter Applaus und Hurrarufen auf der Welt begrüsst wird, wird das Mädchen mit Tritten wieder in den Leib der Mutter zurückgetreten.

Der erste Diskussionstag wurde mit Reden der Organisatorinnen (PeaceWomen Across the Globe, Bibliotheca Alexandrina, National Council for Women, UN Women) und des Bürgermeisters von Alexandria eröffnet. Immer wieder betonten die RednerInnen, dass die neue ägyptische Verfassung eine ausgezeichnete Ausgangslage für Frauen bietet, aber dass es jetzt darum geht, die verschiedenen Verfassungsartikel auch zu aktivieren: Denn was nützen Regeln und Prinzipien, wenn niemand sie kennt und niemand sich daran hält? Ruth-Gaby Vermot, Co-Präsidentin von PWAG, ermutigte die anwesenden Frauen, dabei hartnäckig zu bleiben:

„Überall auf der Welt stehen die Frauen oft ganz hinten in der gesellschaftlichen Schlange und müssen warten, bis sie mit ihren Anliegen an die Reihe kommen. Es ist manchmal schwer, den Mut nicht zu verlieren und unsere Enttäuschung konstruktiv zu nutzen. Wir müssen uns motivieren, die immer gleichen Anliegen einzubringen – möglichst friedlich, denn Gewalt kann nicht unsere Sprache sein.“

IMG_2094 Die ehemalige Parlamentarierin erzählte davon, wie es war, auf einer Frauenliste zu kandidieren und gewählt zu werden – ein Thema, das bei den anwesenden ägyptischen Kandidatinnen für die Parlaments-wahlen ganz offensichtlich auf grosses Interesse stiess: „Ich bewundere, dass es in der Schweiz eine Liste nur für Frauen gab und dass so die Wähler und Wählerinnen die Beste der Frauen wählen konnten. So hatten diese eine echte Chance, gewählt zu werden und zu zeigen, was sie können. Dann ist es viel einfacher, das nächste Mal wiedergewählt zu werden. Es braucht diesen kleinen Anschub beim ersten Mal, sonst klappt es nicht“, sagte Dalia Al Aswad, die bei den nächsten nationalen Parlamentswahlen kandidieren möchte.

Das eigene Potential ausschöpfen

Der erste Workshopteil zum Thema “Bridging the Gap between Empowerment Policies and their Implementation” wurde von der südafrikanischen FriedensFrau Thulisile Madonsela eröffnet. Als Public Protector kontrolliert sie die südafrikanische Regierung in vielen Bereichen und ist in ihrer Heimat unter anderem als „Anti corruption watchdog“ bekannt und respektiert. Thuli Madonsela eröffnete ihr Referat mit einem Verweis auf den Lieblingsfilm ihrer Töchter – Mulan – der von einem Mädchen handelt, das gegen den Willen ihres Vaters in den Krieg zieht und schlussendlich ihr Land rettet. Empowerment, so Madonsela, bedeute, dass alle Menschen die Möglichkeit hätten, ihr volles Potential zu nutzen und damit so gut wie möglich zum Wohlergehen der Gesellschaft beizutragen. Die Frauen selber hätten dabei eine wichtige Rolle zu spielen:

„Es ist keine Frage, dass Frauen führen können – das haben sie immer schon gemacht. Wenn es irgendwo ein Problem gibt, dann kommen Frauen und setzen alles daran, es zu lösen. Aber sobald man dieses Problem mit einem konkreten Namen und einer Position benennt, haben viele Frauen die Angewohnheit, einen Schritt zurück zu machen und nach einem männlichen Kollegen zu schauen.“

IMG_2138Frauen müssen sich selber auch zutrauen, Verantwortung und Macht zu übernehmen. Daneben sei es zentral, dass ein Land nicht nur eine gute Verfassung und Gesetze habe, sondern auch Strukturen, um diese Gesetze konkret umzusetzen: „In Südafrika gibt es zum Beispiel meine Stelle als Public Protector und eine Gleichstellungskommission. Wir sind permanent daran, uns gegenseitig zu kontrollieren und Rechenschaft abzulegen, ob und wie die Verfassung umgesetzt wird“, so Madonsela.

In diesem Sinn setzten sich dann die Teilnehmenden zusammen und arbeiteten daran, wie verschiedene Empfehlungen zur Frauenpartizipation konkret umgesetzt werden können. Die Empfehlungen wurden im Vorfeld der Veranstaltung zusammengetragen und stammten aus den drei Dialogforen, die 2014 in verschiedenen Regionen Ägyptens organisiert wurden.

Die Arbeitsgruppen waren in verschiedene Gesellschaftssegmente unterteilt. Anwesend waren VetreterInnen aus: Medien, Wissenschaft, Regierung, ParlamentkandidatInnen und politische Parteien, Zivilgesellschaft/NGOs, Jugend, ExpertInnen, Wirtschaft, muslimische und christliche FührerInnen.

So wurde zum Beispiel am Tisch der Zivilgesellschaft darüber diskutiert, wie denn die Kommunikation und die Zusammenarbeit von Frauen- und Gleichstellungsorganisationen verbessert werden kann: Gefordert wurde eine Datenbank, die alle Projekte und Organisationen auflistet. Am Tisch der KandidatInnen für die nächsten Parlamentswahlen ging es darum, was gegen die weitverbreitete Gewalt während der Wahlen unternommen werden kann, und wie die Kommunikation zwischen Kandidatinnen und den politischen Ministerien verbessert werden soll. Die Diskussionen waren angeregt, manchmal laut und chaotisch, manchmal konzentrierter. Und es war deutlich, wie viele Frauen (und auch einige Männer) sich engagiert für ihre Rechte und einen gesellschaftlichen Wandel einsetzen. Und dass viele von ihnen langsam aber sicher die Geduld verlieren.

„Ihr müsst nicht die besten Freundinnen sein, um zusammenzuarbeiten“

Am zweiten Tag leitete die FriedensFrau Justine Mbabazi aus Ruanda den Workshop zum Thema „Egypt as a Leading Country in Women’s Empowerment: The Way Forward“ ein. Die versierte Genderexpertin und Menschenrechtsaktivistin hielt die anwesenden Frauen in einer fesselnden Rede dazu an, sich nicht in unnötigen Machtkämpfen zu verlieren. Ruanda ist mit 64 Prozent Frauen im Parlament ein absoluter Spitzenreiter in Sachen Frauenpartizipation und Justine Mbabazi erinnerte an die spektakuläre Wandlung des Landes, in dem 1994 während des 100 Tage dauernden Genozids eine Million Menschen grausam ermordet wurden:

„Ich erinnere mich sehr gut, als ich nur gerade neun Monate nach dem Genozid mit einer ruandischen Delegation an der UNO-Weltfrauenkonferenz in Peking teilnahm. Wir waren am Boden zerstört und schauten zu den ägyptischen Frauen auf, die uns so stark, erfolgreich und gebildet vorkamen. In Peking realisierten wir, dass wir zusammenarbeiten müssen. Und dass wir, um in Ruanda weiterhin ein Leben führen zu können, stark sein müssen. Wir hatten gar keine andere Wahl, als uns mit aller Kraft für gleiche Rechte und eine bessere Gesellschaft einzusetzen.“

Die ruandischen Frauen hätten realisiert, dass sie nur gemeinsam etwas verändern können: „Keine Frau hat es gewählt, mit einem Mann verheiratet zu sein, der andere Menschen umgebracht hat. Und keine Frau hat gewählt, dass ihr Mann umgebracht wurde. Wir mussten sprechen miteinander und trotz unserer Unterschiede und Probleme gemeinsam für unsere Rechte einstehen“, so Mbabazi.

Um zu überzeugen, müsse man die Ziele zusammen definieren und dann die Forderungen klar und knapp kommunizieren, so dass sogar der beschäftigte Präsident diese schnell verstehen könne. Ihren ägyptischen Kolleginnen riet sie ausserdem, die Männer in diesen Prozess miteinzubeziehen: „Viele Männer meinen es nicht böse, sie wissen es einfach nicht besser. Ihr müsst Ihnen aufzeigen, worum es geht, und dann stärken sie euren Rücken.“

Gespräche über alle gesellschaftlichen Gräben hinweg

Anschliessend trafen sich die Teilnehmenden wieder an den Diskussionstischen, um an der konkreten Umsetzung der Forderungen weiterzuarbeiten. Dieses Mal wurden die elf Gesellschaftssegmente gemischt: So diskutierten Journalistinnen mit Wissenschaftlern oder NGOs mit Regierungsabgeordneten und Jugendlichen.

Ein solcher Austausch über alle Alters-, Religions- und Parteigrenzen hinweg ist für Ägypten ein absolutes Novum. Die ägyptische Gesellschaft ist stark gespalten, und konstruktive Gespräche und gar eine Zusammenarbeit gehen selten über die eigene Gruppe hinaus. Dass FriedensFrauen Weltweit zu einem Aufbrechen dieser Grenzen beitragen konnte, stellt für uns ein Erfolg für sich dar.

IMG_2232Diskutiert wurde zum Beispiel darüber, wie ein neues Ministerium zur konkreten Umsetzung der Gleichstellung geschaffen werden kann. Soll es „Ministerium für Gender“ heissen? Oder ist das eventuell für viele Ägypter und Ägypterinnen ein zu fremder Begriff? Müssen dafür neue Strukturen geschaffen werden oder reicht es, bestehende weiterzuentwickeln? Eine andere Gruppe beschäftigte sich währenddessen mit den Problemen der Frauen in der Arbeitswelt: Wie kann verhindert werden, dass weiterhin viele Frauen ihre Stelle verlieren, wenn sie schwanger werden? Und wie kann sichergestellt werden, dass es genug Kinderbetreuungsplätze gibt, damit Frauen trotz Kindern weiterhin berufstätig (und somit selbständig und unabhängig) sein können?

„Ihr seid der Wandel – ihr besitzt alle Mittel, die es dafür braucht“, ermutigte die FriedensFrau Fawzia Talout Meknassi aus Marokko die Teilnehmenden in ihrer Schlussrede.

Und jetzt?

Jetzt müssen diese Mittel genutzt werden. Es geht darum, die Ergebnisse aus den Diskussionen zusammenzutragen und daraus in den nächsten Monaten eine klare und griffige Strategie zu formulieren. Diesen Part übernehmen die Ägyptischen Organisationen, namentlich der National Council for Women, UN Women Egypt und die Bibliotheca Alexandrina. Die konkrete Formulierung und Ausarbeitung soll in enger Zusammenarbeit mit den politischen Ministerien erfolgen, damit die Umsetzung der Strategie auch eine reelle Chance hat. Sieben Minister und Ministerinnen haben explizit ihre Unterstützung versprochen.

Es wird keine leichte Aufgabe sein, das ist ganz klar. Es wird eine langwierige Arbeit sein. Auch das ist klar. Aber wie die Südafrikanerin Thuli Madonsela in ihrer Rede treffend sagte: „Es ist besser, langsam vorwärts zu machen und alle mitzunehmen, die ein Teil der Reise sein möchten, anstatt Leute abzuhängen. Wenn man zu schnell vorwärts prescht, wird man früher oder später von denen zurückgeholt, die nie richtig verstanden haben, worum es eigentlich geht.

Caroline Honegger, FriedensFrauen Weltweit

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Bilder:

  1. Ruth-Gaby Vermot-Mangold, Co-Präsidentin von FriedensFrauen Weltweit, bei ihrer Eröffnungsrede
  2. Thuli Madonsela, Public Protector of South Africa
  3. Am Tisch der Arbeitsgruppe der Zivilgesellschaft
  4. Abschluss-Gruppenfoto

Dieser Text wurde in abgeänderter Form auch in der Zeitschrift RosaRot (Nr. 49) gedruckt.

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