„Wir haben noch einen weiten Weg vor uns“

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Die Veranstaltung „10 Jahre – 1000 Frauen – 1 Million Geschichten“ am Donnerstag, 22. Oktober auf dem Berner Münsterplatz war der Auftakt zu den zweitägigen Jubiläumsfeierlichkeiten von FriedensFrauen Weltweit. Dabei tauschte sich die Berner Bevölkerung in persönlichen Gesprächen mit Friedensaktivistinnen aus aller Welt aus.

Am Donnerstagmorgen war die Nervosität beim FriedensFrauen-Team in Bern noch gross: Steht das Zelt wirklich um 15.00 Uhr bereit? Und werden überhaupt Leute kommen, um sich mit unseren FriedensFrauen auszutauschen? Ja, das Zelt stand, und ja, sie kamen. Und wie! Unser kleines Festzelt war im Nu gefüllt mit etwa hundert Personen: SeniorInnen, Lernende, Frauen, Männer – das Publikum war w002-0032underbar durchmischt.

Die beiden Co-Präsidentinnen Kamla Bhasin und Ruth-Gaby Vermot begrüssten die Anwesenden und erinnerten daran, dass PWAG auch nach zehn Jahren Engagement noch viel Arbeit vor sich hat: „Ich bin glücklich über das, was wir in den letzten zehn Jahren erreicht haben. Ich bin glücklich, dass wir mehr Bewusstsein geschaffen haben und mehr Frauen seither den Friedensnobelpreis gewonnen haben. Aber wir leben immer noch in einer Welt mit über 400 Konflikten, in einer Welt, die ungleicher und ungerechter geworden ist. Wir haben noch einen weiten Weg vo002-0174r uns“, sagte Kamla Bhasin.

Anschliessend richtete Franziska Teuscher ein Grusswort an das Publikum: „Ich bin stolz darauf, dass Bern die Heimat des weltweiten FriedensFrauen-Netzwerkes ist“, sagte die Berner Stadträtin.

Gespräche – wild durcheinander

Danach hatten die Gäste die Gelegenheit, sich an Diskussionstischen mit unseren internationalen FriedensFrauen auszutauschen: An jedem Tisch sass eine Frau aus einem anderen Land und die Teilnehmenden konnten auswählen, an welchen Tisch sie sich setzen wollten: China/Hong Kong, Indonesien, Indien, Thailand, Kolumbien, Mexiko, Brasilien, Kenia, Ägypten, Palästina, Mali und Afghanistan. Nach jeweils 30 Minuten wurde die Runde gewechselt. Die Friedensaktivistinnen erzählten über ihr Engagement für den Frieden, über die politische Situation in ihrem Land. Die Teilnehmenden hörten zu, stellten Fragen und brachten ihre eigenen Erfahrungen ein.

So berichtete zum Beispiel Fatoumata Maiga, die PWAG-Koordinatorin aus Mali, darüber, dass Frauen im Friedensprozess in Mali eine wichtige Rolle spielten: „Es ist sehr wichtig, dass die Frauen, die 002-0146verfeindeten Konfliktparteien angehören, ins Gespräch kommen und Frieden schliessen“, sagte sie.

Am Tisch, der von Kamla Bhasin aus Indien geleitet wurde, sprachen die Teilnehmenden über die Rolle der Männer und religiösen Fanatismus, der in allen Religionen zu finden ist.

An einem Tisch erzählte Alejandra Miller Restrepo aus Kolumbien vom laufenden Friedensprozess zwischen der Regierung und Rebellengruppen. Sie berichtete, dass vermutlich im März 2016 endlich ein Friedensabkommen geschlossen werden kann. Auch in Kolumbien engagieren sich Frauen aktiv für den Frieden: „Die Frauen drängten auf Friedensverhandlungen und unterstützen die Opfer des Konfliktes. Die Frauen drängen immer auf die Wahrheit. Versöhnung ohne Wahrheit ist ein Ding der Unmöglichkeit.“002-0143

Frieden ist…

Nach den drei Gesprächsrunden diskutierten VertreterInnen aus der Schweizer Politik, Kultur und Wissenschaft darüber, was denn nun für uns in der Schweiz Frieden bedeutet und was wir alle zu einer friedlichen Gesellschaft beitragen können. Die Podiumsdiskussion mit der Schriftstellerin Dorothee Elmiger, Soziologieprofessor Ueli Mäder, Kathrin Hayoz (FDP Frauen Bern), Margret Kiener Nellen (Nationalrätin, SP Bern) Laavanja Sinnadurai (Juristin mit tamilischen Wurzeln) und Annemarie Sancar (Grüne Bern) wurde von Linda Muscheidt (Radio X) moderiert.002-0261

Schnell wurde klar, dass alle Teilnehmenden eine etwas andere Vorstellung davon haben, was Frieden denn eigentlich ist. Für Laavanja Sinnadurai, deren Eltern von Sri Lanka in die Schweiz geflüchtet waren, bedeutet Frieden, dass es hier überhaupt möglich ist, sich an solch einer öffentlichen Veranstaltung zu treffen, zu diskutieren und auszutauschen. Für die FDP-Frau Kathrin Hayoz heisst Frieden, am Morgen aufzustehen und keine Angst um das eigene Leben oder das Leben der Familie haben zu müssen. Für die Schriftstellerin Dorothee Elmiger ist eine ganz klassische Definition von Frieden zentral: „Die Definition, dass Frieden die Abwesenheit von Krieg ist, finde ich immer noch wichtig. Denn sie zeigt ganz klar auf, dass es heute Orte gibt auf der Welt, wo Krieg herrscht, und Orte, die davon verschont sind.“

Für langanhaltenden Frieden braucht es soziale Gerechtigkeit, sind sich die Podiumsteilnehmenden einig. Für den Soziologi002-0286eprofessor Ueli Mäder ist es daher umso bedenklicher, dass sich die Ungleichheit in der Schweiz in den letzten Jahrzehnten immer ausgeprägt hat ist und sich die Schere zwischen Arm und Reich stärker öffnet. Ungerechtigkeit werde heute als etwas ganz Normales betrachtet: „Vor 30 oder 40 Jahren galt soziale Ungerechtigkeit als etwas Schlechtes. Heute dagegen ist es in der Gesellschaft breit akzeptiert, dass gewisse Leute einfach reich sind und andere arm“, so Mäder.

Und was können wir alle für den Frieden tun? Für Laavanja Sinnadurai können zum Beispiel Personen wie sie, die mit zwei Kulturen aufgewachsen sind, Brücken zwischen den Menschen bilden, übersetzen und so vermitteln. Nach Meinung von Kathrin Hayoz sollten wir versuchen, benachteiligten Menschen ganz konkret zu helfen: „Wir haben zum Beispiel in unserer Jogginggruppe einen Asylsuchenden aufgenommen, ihm dadurch ein Netzwerk gegeben, mit ihm Deutsch gelernt, und ihn bei allen administrativen Schritten inklusive Jobsuche unterstützt.“002-0305

„Wir dürfen nie schweigen!“

Zum Abschluss trug die Berner Slam-Poetin Michèle Friedli den eigens für FriedensFrauen Weltweit geschriebenen Text „Mini Stimm isch gredi use – Meine Stimme ist gerade raus“ vor. Wortgewaltig handelte ihre Darbietung davon, wie ihr Umfeld früher auf sie als kleines, stilles Mädchen herabschaute: sie sei so „härzig“, so süss. Sie habe gelernt, laut zu werden und mit ihrer Stimme zu rebellieren: „Nur weil ich ein Mädchen bin, muss mich das noch lange nicht still und schwach machen!“ Mit ihrem Gedicht richtet sich Michèle Friedli auch direkt an die anwesenden Friedensaktivistinnen: „Wir schenken 002-0373der Nacht Licht, wenn sie am düstersten ist. Wir stiften Frieden und kämpfen gegen Gewalt, wo andere Krieg anzetteln.“ Jede einzelne Frauenstimme soll laut und lebendig sein, denn sie sei bitter nötig.

PeaceWomen Across the Globe, Caroline Honegger, 09.11.2015

Bilder
Bild 1:
Die Co-Präsidentin Kamla Bhasin begrüsst die Anwesenden.
Bild 2 – 5: Momentaufnahmen von den Diskussionstischen (Bild 2: Rose Wawuda, PWAG-Koordinatorin aus Kenia)
Bild 6: Podiumsteilnehmerin Laavanja Sinnadurai
Bild 7: Podiumsteilnehmerin Kathrin Hayoz und Moderatorin Linda Muscheidt
Bild 8: Slam-Poetin Michèle Friedli

The text is also available in English: https://1000peacewomen.com/2015/11/10/we-still-have-a-long-way-to-go/

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